Bunt statt Braun

Peinliches Bloßstellen.

Auslachen -
Weglachen!

Witz in der Kommunikation

Von Eberhard Pilot
(Meine E-Mail: eberhard.pilot@pilotprojekt.de)

Für meine Kinder? Na, gut. – Für mich? Gott bewahre!

Als ich ab 1977 immer mal wieder das Lied der Schlümpfe von Vader Abraham im Radio hörte, fällte ich mein Urteil jedes Mal recht schnell: Senderwechsel. Heute, rund 35 Jahre später, sitzt eine Schlumpf-Figur auf meinem Schreibtisch.

Was war geschehen?

Gartenzwerge

Stopp für geistige Gartenzwerge.

Die neue Sympathie entwickelte sich in diesem Sommer in Bad Nenndorf, einem niedersächsischen Städtchen, einem Staatsbad. Rheumagebeugte und Gichtgekrümmte, Rollatorgeher und Rollstuhlfahrer dominieren täglich das Stadtbild. Und genau an diesem Ort wollten etwa 200 junge, erkennbar kämpferisch eingestellte Nationalsozialisten ein sogenanntes Gedenken durchführen. Ihre Führer glaubten vermutlich, leichtes Spiel zu haben.

Von wegen!

Die Bürgerinnen und Bürger verstanden nämlich keinen Spaß. Sie setzten ihren kreativen Witz als Waffe gegen den braunen Einmarsch ein.

Und Tschüss!



Hu-Hu-Humor!
Der Witz klärt
die Fronten, lässt
keinen Zweifel im
Disput.

„Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?“ Und: „Sehen alle da so aus wie ihr?“ schallte das Lied der Schlümpfe den sich martialisch zeigenden Rechtsradikalen entgegen, als sie sich vor dem Bahnhof sammelten, um in die Stadt zu marschieren. Das Lied passte, wie für diesen Anlass geschrieben, wie die Faust aufs Auge. Die wutverzerrten Gesichter der Neo-Nazis spiegelten die Wirkungstreffer der Schlümpfe wider. „Witz lass nach“ schienen die braunen Hirne zu hoffen.

Abermals von wegen!

Es gab jede Menge Nachschlag. „Bad Nenndorf ist bunt“ – das Leitmotiv der Gegendemonstration


Pointierte Wort- und Grafik-Spiele (o.r. / darunter) mit
ultimativem Charakter sollten auch Einzeller
begreifen. Die politischen Unterschiede sind
überaus deutlich.

Nazi Aufmärsche stoppen

Witz fördert das WIR-Gefühl im politischen Streit!

begleitete die Braunen auf Schritt und Tritt. Mit bewundernswertem Einfallsreichtum und beispielhaftem Engagement ist die Stadt quasi über Nacht von ihren Einwohnern mottogerecht gestaltet worden: Mehr als 99 bunte Luftballons zierten die Vorgärten, verschiedenfarbige Tücher flatterten an den Zäunen, gehäkelte Schals umgarnten Bäume und Verkehrsschilder, gestrickte Sterne hingen über Einfahrten. Vor einer Kita hatten die Betreuer ein von ihren Schützlingen bemaltes Bettlaken aufgehängt, Kirchenglocken läuteten.

Jede relevante Gruppe der Stadtgemeinschaft präsentierte ihre Haltung unmissverständlich, dokumentierte ihren Protest. Ein WIR-Gefühl wurde sichtbar, eindrucksvoller als ein PR-Lehrbuch es je beschrieben hat.

Wirklich klasse auch die Texte und Bilder der Poster und Transparente, meistens Marke Eigenbau. Hitler wurde bloßgestellt, als geistiger Gartenzwerg entlarvt, eine sich schlapp lachende Maus erschreckte Hakenkreuz-Männchen oder –Weibchen: Hu-hu-Humor!

Natürlich kursierte auch der politische Witz, vornehmlich der jüdische. Er machte den unmenschlichen Hitler-Irrsinn überdeutlich, entlarvte die todbringende Nazi-Ideologie.

Die Stadt
erhält ein
politisches
Gesicht!

BUNT STATT BRAUN:
DAS MOTTO DER ANTI-
NAZI-DEMO IST
FACETTENREICH INS
BILD GESETZT.

 

Zum Beispiel:

Der KZ-Kommandant verspricht einem jüdischen Häftling: „Ich schenke dir ein Stück Brot, wenn du herausfindest, welches meiner Augen ein Glasauge ist.“ Sofort antwortete der Häftling: „Das linke.“ Fragt der Kommandant: „Wie bist Du so schnell drauf gekommen?“ Der Häftling: „Es schaut mich so menschlich an.“

Die beiden Aufforderungen „GEDENKEN? – GEHT!! DENKEN!!“ und „NAZI-AUFM-ÄRSCHE-STOPPEN“ formulierten präzise, was die Mehrzahl der Nenndorfer dachten und wollten. Ebenso ultimativ mischten sich die Sportler des VfL ein. Sie reckten die „ROTE Karte gegen RECHTS“ in die Höhe und skandierten: „Hier! regiert! der! VfL!“

Protese gegen den Aufmarsch

Ob amateurhaft oder professionell: Die Bürger und die organisierten Gruppen der Stadt ergänzen sich in ihrem gemeinsamen Protest gegen den Aufmarsch der Neo-Nazis.

„Bravo, gut gedacht, gut gemacht!“ – Zweifellos hätten die Kommunikations-Experten Vazrik Bazil und Manfred Piwinger die Anti-Nazi-Demo genau so gelobt, wenn sie dabei gewesen wären. Definierten sie doch schon 2011 in einem ernsthaften Aufsatz für das Kommunikations-Management (KM) die Funktionen von „Witz und Humor in der Kommunikation“:

  • „Zunächst ist der Humor eine wirklich vorzügliche psychologische Abwehrstrategie. Er schafft deutlich Distanz zu unerfreulichen Situationen und den wirklich unangenehmen Personen…“ und

  • „…, dass er Nähe schafft, indem die Menschen sich verstehen, gemeinsam lachen und somit auch wie selbst-
    verständlich ihre gemeinsamen Werte bestätigen.“

Auf den Straßen von Bad Nenndorf wurden diese trocken formulierten Thesen saftig gelebt.

Rote Karte gegen Rechts

„Hier regiert der VfL“: Der laut tönende Zug des rechten Trupps unterliegt den beeindruckenden Ton-Angebern des VfL.

In einem längeren Ausflug in die Humorgeschichte erläutern die Autoren, warum die Herrschenden Witz, Ironie, Satire, Hohn und Spott so fürchten. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Es ist die Angst vor der schleichenden Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung und der politischen Machtverhältnisse.

Flagge zeigen

Flagge zeigen! Viele bunte Tücher flattern am Rande des Demonstrationszuges. Sie geben der politischen Überzeugung der allermeisten Bürgerinnen und Bürger von Bad Nenndorf Ausdruck: Eine braune Gesinnung hat bei uns keine Chance.

Flagge zeigen

Nach dem Erfurter Gespräch von Willy Brandt mit Willi Stoph, Ministerpräsident der DDR (1970), erzählte man sich dort, Brandt habe zu Stoph gesagt: „Ich sammle Witze, die Leute über mich erzählen.“ Stophs lakonischer Kommentar: „Wir sammeln Leute, die Witze über uns machen.“

Die Anti-Nazis von Bad Nenndorf wussten um die Wirkungs-Macht des Witzes in der Kommunikation. Und sie blieben bis zum Schluss gnadenlos witzig, humorlos witzig.

Gehäkelte Sterne

Gehäkelte Sterne als Abwehrkette gegen Rechtsradikale, oder: Gegen kraftvolle Emotionen und kreativen Verstand, gegen leidenschaftlichen Durchsetzungswillen gibt es kein Ankommen.

Schließlich gab der rechte Trupp völlig erschöpft auf, weil ihm der Weg zur Versammlungsstätte blockiert war und die ständigen intelligent-kreativen Dauerattacken sichtlich an den Nerven seiner Mitglieder zerrten. Während sie sich frustriert zum Abmarsch sammelten, bepöbelten und beleidigten sie den politischen Gegner aufs Gröbste.

Die Reaktion: Tief aufatmend, mit freudigem, neuem Schwung sang das Anti-Nazi-Lager die letzten Zeilen des wunderbaren Schlumpfliedes vom Politbarden Vader Abraham: „Habt ihr auch Schulen in Schlumpfhausen? – Ja, da gibt es nur noch Pausen!“

P.S.: Zum Tode des verehrungswürdigen Kabarettisten Dieter Hildebrandt schrieb Ludwig Greven in zeit.de: „Den Herrschenden wird er nicht fehlen. Anderen schon.“